JazzatelierUlrichsberg

Paul Lovens

Eine Art Herold, der Nachfolgendes ankündigt. Zeichnung: Hartmut Ritzerfeld.

Der Pole Stefan Themerson berichtet, wie einst Kardinal P. den Maler Mondrian beauftragte, ihm das Fußbodenmosaik für seine Privatkapelle zu entwerfen. „'Was möchten Sie, dass ich tue?' fragte der Maler. 'Ich möchte, dass Sie ein abstraktes Bild machen', sagte ich. 'Was möchten Sie, dass ich abstrahiere?' war seine Frage, und ich sah, sie war gut. 'Ich möchte, dass Sie dies abstrahieren', sagte ich und rezitierte: 'Filiae Jerusalem dicite dilecto meo, quia prae amore morior'. 'Von was möchten Sie, dass ich es abstrahiere?' war seine nächste Frage, und ich sah, sie war sehr gut. 'Vom Universum', antwortete ich. Worauf er mit der Arbeit begann.

Der Boden meiner Kapelle ist weiß. Und sein Weiß ist unterteilt von zwei vertikalen schwarzen Linien und vier horizontalen schwarzen Linien, und darin enthalten sind ein großes gelbes Quadrat und ein kleines blaues Rechteck. Ich mag es: ich mag es, weil nichts darin irgendetwas darstellt, weil nichts darin ein Symbol für irgendetwas ist; es ist, was es ist, und dennoch, wann immer ich es anschaue, wann immer ich darüber gehe, singt es: ,Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, wenn ihr meinen Liebsten findet, so sagt ihm, dass ich vergehe vor Liebe zu ihm.'”

Ich mache es (noch mal) wie Monk. Als er einige Sätze für die Kollektivteile seiner Bigband benötigte, arrangierte er einfach eigene Soli von früheren Schallplatten.

Was einmal ein Interview (mit Markus Müller) für ein englisches Blatt war und daher zwar auf deutsch gedacht, aber auf englisch gesprochen wurde, habe ich zurückübersetzt. Ich strich das nur damals Aktuelle und fügte manches Vergessene hinzu. Als so viel von der Wärme des Plaudertons einer kühleren Distanz wich, hielt ich es sogar für über­flüssig, die gestellten Fragen abzuschreiben; jetzt muss ich nicht mehr antworten: ich sage.

Sollte es Ihnen nun so vorkommen, als würde da jemand "aus Holz einen Baum schnitzen", so verlassen Sie den Text. Gehen Sie in die Musik; hören Sie: eine Platte zu Hause, ein Konzert, nahe der Band. Dort finden Sie alles weit präziser, als ich es hier formulieren konnte: dort, "im Wald".
 

Ich mochte immer das Bild vom Kuchen. Musik ist ein Stück jenes Kuchens, der aus allen Künsten gebacken ist. Unsere Musik ist ein Teil dieses Stücks. Ich bin ein Teil unserer Musik, ich spiele sie. Jedoch höre ich verschiedenste Musiken, die wiederum in mir einen Kuchen vervollständigen, und dieser ist anders als der, der sich aus den Gruppen ergänzt, in denen ich arbeite.

Die Zusammensetzung all dieser Kuchen, groß oder klein, richtet sich danach, wie geschäftliche Manipulation und tatsächliche Notwendigkeit ineinandergreifen. Ersteres lässt sich nicht vermeiden, aber umgehen. Äußerlich reicht schon persönliche künstlerische Konsequenz, und das Problem löst sich von selbst. Für unsere Musik gibt es keinen Markt; und: sie lässt sich nicht missbrauchen. Sie eignet sich wie Poesie - nicht dazu, mit anderen Inhalten angereichert zu werden als den eigenen. Für die großen Medien, öffentliche wie geschäftliche, existiert sie daher fast überhaupt nicht. Das führt dazu, dass wir nach wie vor von der Hand in den Mund leben, und zwar vor allem mit der Hilfe von Veranstaltern, die ebenso arbeiten wie wir. Dies gewährt uns einen Arbeitsraum, in dem niemand auch nur befürchten müsste, unter Druck gesetzt zu werden. Anderswo herrscht Druck, und dort können wir verbogen werden, brechen, wie jeder. Wessen geistiges Immunsystem solchen Infekten nicht gewachsen ist, disqualifiziert sich.

Nicht aber die Musik; sie schützt sich selbst, und dies ist eines ihrer ersten Merkmale. Denn sie ist entweder lebendig, oder sie ist nicht da.

Sie erscheint im Spiel, wenn der nötige Zustand durch eine bestimmte Art gemeinsamer Konzentration der Musiker in der Gruppe hergestellt wird. Wenn dieses mentale Netz, mit dem wir sie zu halten wissen, fehlt, wenn es uns entgleitet oder reißt, verschwindet sie, entzieht sich, und zurück bleiben - leer: Klang, Geräusch und wir.
 

Jedes Instrument erfüllt eine andere Rolle in der Gruppe. Dass man sie nicht beliebig austauschen sollte, liegt an ihren spezifischen Eigenschaften. Dass man sie nicht beliebig austauschen kann aber, liegt am Typ des Spielers. Wir alle haben unsere Instrumente gewählt/gefunden, indem wir unbewusst den Platz in einer Gruppe einnahmen, der unserer Fähigkeiten bedarf. Bass und Schlagzeug z.B. übernehmen Aufgaben, die den anderen ermöglichen zu tun, was sie können - und vielleicht noch weit mehr. Die Hörner z.B. können natürlich auch ohne uns, aber nur solange sie sich nicht selber langweilen. Und wir: die Rhythmusgruppe? - was gibt es Langweiligeres als ein Schlagzeug- oder Bass-Solo, wonach niemand mehr einsetzt, das nicht begann durch das Verstummen der anderen? Wenn wir dennoch leitend oder führend wirken können, dann immer nur durch den Solisten, nicht statt seiner. - Oder gibt es etwa z.B. Schlagzeuger, die eigentlich z.B. Trompeter sind?
 

Mit jemandem spielen ist mit jemandem sein. Das Medium ist die Musik und die Möglichkeiten der Instrumente, mit denen ich mich mische. Es ist unmöglich, mit jemandem in nur einer Weise zu sein. Doch ergibt sich in der Musik eine Vielfalt ähnlich alltäglicher Abläufe. Da gibt es innigste Umarmung ebenso wie lange Trennung. Wir leben zusammen auf Reisen; doch auch auf der Bühne, während eines Stückes. Dort haben wir alle erfahren, wie Mangel an Respekt und Wohlwollen die Musik abtötet. Also war es nötig zu lernen, ständig aufmerksam zu sein; und wenn man schweigt, zuzuhören, um den Weg hinein wiederzufinden.

So hat sich angesammelt, womit wir uns außer Viervierteltakt und Harmoniegerüst aufeinander beziehen: Geschwindigkeiten, Farben, Beleuchtung und Schattierung, rein musikalisch, versteht sich. Es ist immer irgendwie rhythmisch, im weitesten Sinn des Wortes: weniger als Muster und Puls, mehr zyklisch. Und mir gut veranschaulicht durch das Bild des sich drehenden Rades, den Stroboeffekt der Speichen, vor und zurück, stillstehend, das Drehmoment.
 

Das Schlippenbach Trio ist wohl die Gruppe, in der ich über die längste Zeitspanne immer wieder gleiche Muster überarbeite. Eine Menge von dem, was ich jetzt weiß, habe ich mit Evan (Parker) und Alex(ander von Schlippenbach) gelernt. Sie haben mir geholfen, meine musikalischen und künstlerischen Prinzipien auszurichten. Und was ich mir durch sie zueigen machen konnte, hat einen solchen Wert auch außerhalb ihrer Personen und musikalischen Welten, dass es mir half, sich in verschiedenste musikalische und andere Umgebungen übersetzen zu lassen. Es scheint, als ermögliche das Wissen erst die Existenz dessen, was da gewusst wird. Ist das Material auch beschränkt, so arbeitet diese Gruppe mit universellen Maßstäben: benutzt nicht die Regeln eines Stils, sondern nutzt die Gesetze der Musik. Dadurch entsteht nackte Musik; also etwas, das sich jeder gedanklichen Konzeptur entkleidet hat. Und so hat die Musik des Trios - durch Vermeiden bestimmter Dinge und das Folgen anderer - Qualitäten erlangt, die mir beispielsweise auch im Werk des Spaniers Eduardo Chillida begegnen. Wind wird da gekämmt! Und wachgerufen wird bestätigend selbstverständlich, beängstigend fremd: etwas zwischen Wonne und Grauen.
 

Ich gehöre zu denen, die aus dem Jazz kommen, die frische Musik aus dieser Tradition entwickeln konnten. Dort lässt sich eines jeden Schlagzeugers persönlicher Stil aus dem erhören, was er mit der linken Hand tut. Besonders sie speist feinste Verlagerungen in den rhythmischen Fluss. In den Triolen des "swing" ist angelegt, was durch verschobene Betonung und schließlich durch Veränderung des Momentum die Möglichkeiten aufdeckte, die wir mittlerweile nutzen, um mehrere Ebenen lateral mit Hilfe von Uneindeutigkeit simultan und deutlich zu befördern. Wenn wir heute solche Schichtungen von asymmetrischen Zyklen fast unbemerkt auf uns wirken lassen, dann auch, weil wir uns nicht mehr unter ihm beugen, sondern (im Spiel, spielend, spielerisch) über ihn verfügen: den Beat! - über den ich Cecil Taylor während des ersten Konzertes, das ich vor vielen Jahren von ihm erlebte, sagen hörte, er messe die Zeit in Teelöffeln! - was aber weder ihn noch mich daran hindert, James Brown' s Greatest Hits zu genießen.

Dinge sind da, andere werden hinzugefügt, und alles beginnt zu oszillieren. Meine Analogie: die rote Rose, die von nur rotem Licht beleuchtet wird. Die Rose ist da, Licht ist da, Rot ist da, aber noch etwas ist da: weil etwas weg ist! Die Welt der Physik ist voll von solchem Zeug. Ebenso die Bilder des Malers Herbert Bardenheuer. Es ist fast, als würde eine geheime Welt dadurch offenbart, dass nichts in ihnen je scharf bleibt. Autofokuskameras versagen kläglich, wenn sie auf solche Bilder gerichtet werden. Denn sie sehen aus, als betrachte man sie mit zusammengekniffenen Augen - dabei hat er ihnen diesen Schein gegeben, und wir müssen uns bewegen, weil es nichts zu fixieren gibt, nichts, um sich festzuhalten.

Unsere Augen stellen sich ständig von selbst scharf, sie können nicht anders. Verhindern wir das, begegnen wir höchst seltsamen Dingen. Und man beginnt zu bemerken, dass ALLES sich ständig bewegt. Themerson nimmt in seinem vorletzten Roman Euklid auseinander, indem er jemanden erkennen lässt, dass das ganze Universum in Oszillation ist, und: "Ballungen solcher Oszillationen sind, was wir Materie nennen".

Vielleicht zeigt unsere Musik solche Wahrheiten in einer groben Weise; vielleicht gewährt sie solches Erkennen - und zwar denen, die sich in dem doppelt glücklichen Zustand befinden können: eine Absicht zu haben, aber kein Ziel.

Bach und Satie und Monk und Feldman gaben uns Richtung - und auch Anweisung, wie wir uns sorglos in Unsicherheit bewegen können. Und sie verwandten ein unvorstellbares Maß an Genauigkeit, um den Dingen ihre Ungenauigkeit zu erhalten.
 

Und noch einmal Themerson, der wusste "Axiome sind sterblich, Politik ist sterblich, Dichtung ist sterblich, Gute Manieren sind unsterblich."

Sommer 1993

Paul Lovens

Geboren 1949 in Aachen, Deutschland. Ab 1964 studierte er Musik bei Robert Wenseler und Schlagzeug bei Christoph Caskel. Spielte in mehr als fünfzig Jahren mit allen Pionieren der Frei Improvisierten Musik und seitdem mit allen führenden Musikern dort nachfolgender Generationen. Machte Tourneen in über vierzig Länder und ist zu hören auf über zweihundert Tonträgern. Er entwickelte einen höchst individuellen und originellen Stil, der zahlreiche Spieler auf der ganzen Welt inspirierte. Obwohl 'oft kopiert, doch nie erreicht' zieht er es vor, Bluesmann Lightnin' Hopkins zu zitieren: "Meine Nachahmer kopieren sogar meine Fehler". (Biographie: Stand 2021.)

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